Heimatverein Pliening e.V.
  Gelting - Landsham - Ottersberg - Pliening

Aktivitäten des Heimatvereins:

05.12.2018  Treffen HV
09.12.2018  Weihnachtsmarkt
26.12.2018  7. Stefani-Ritt

Erinnerungen an die bewegten Geltinger Jahre 1960/63

Geschichte und Geschichten aus der Heimat von Willi Kneißl

Fünfzehn Jahre nach Kriegsende drang die neue Zeit in unsere Dörfer vor. So brachten die Jahre 1960 bis 1963 für die damals noch getrennten Gemeinden Gelting und Pliening ganz erhebliche Neuigkeiten.

Streit um die neue Schule

In Pliening war seit dem 1. Januar 1960 ein Umsturz in Schulsachen geplant. Wie konnte es dazu kommen? An diesem Tag war in Bayern ein neues Schulverbandsgesetz in Kraft getreten. Nicht mehr die Schulsitzgemeinde Gelting allein hatte danach zu bestimmen über ihre Schule. Es musste nun ein Beschlussgremium aus beiden Gemeinden gebildet werden. Die 1. Bürgermeister Lorenz Maier und Melchior Huber sollten selbstverständlich darin wirken. Dazu war jede Gemeinde mit einem Mitglied pro 50 schulpflichtigen Kindern vertreten. Bei den nun folgenden demokratischen Abstimmungen sahen sich die Plieninger mit vier Stimmen in der Mehrheit. Schon stand eine allerwichtigste Entscheidung an. Es herrschte schier unerträglicher Schichtunterricht der vier Klassen in den zwei Räumen der Schule Gelting. Eine Regierungskommission hatte im Sommer 1959 dringendst den Bau einer neuen Schule empfohlen. Nun packten die Männer um Melchior Huber die Gelegenheit beim Schopfe. Pliening sollte erstmals eine eigene Schule bekommen.

Nicht alle Geltinger waren darüber begeistert. Die „Plieninger Gewalt" wurde in Gelting sprichwörtlich und nicht wenig angeprangert. Kurat Scherer erinnerte an die uralte Tradition, dass Schule und Kirche auch räumlich zusammengehören müssen. Mit aller Kraft und dem Einsatz der ganzen Persönlichkeit versuchte er, diese neue Entwicklung im Dorfe zu revidieren. Die Wogen der Aufregung schlugen hoch. Als zum „kleinen Plieninger Kirta", dem Feste Kreuzauffindung, im Mai 1960 der Sonntagsgottesdienst im Plieninger Kirchlein gefeiert wurde, schlug der Geistliche bei seiner Predigt harte Töne an. Etliche verantwortliche Männer verließen demonstrativ das Gotteshaus, um vor der Kirchentür demonstrativ lautstark zu debattieren. Der Schrecken der Zurückbleibenden war groß. Es gab kein Zusammenkommen mehr. Niemand vermochte die Wellen zu glätten. Die Plieninger ließen sich nicht mehr umstimmen. Verhandlungen über einen nötigen Grunderwerb gediehen überraschend schnell. Schon am 12. Juli 1960 war Architekt Haushofer mit der Planung einer neuen Schule auf dem freien Feld mitten zwischen den zwei Dörfern endgültig beauftragt. Am 17. März 1962 wurde mit dem Bau begonnen.

Diese für eine gewachsene Nachbarschaft zweier Dörfer tiefgreifende Neuerung sollte sich indirekt auch auf die örtlichen kirchlichen Verhältnisse auswirken.

Benefiziat Josef Scherer verlässt Gelting

Noch heute wird in Gelting erzählt, Kurat Scherer sei wegen der Verlegung der Schule so verstimmt gewesen, dass er sich nach einem neuen Posten umsah. Am 1. September 1961 wurde ihm jedenfalls die Pfarrstelle von Waging am See zugewiesen. Zwei Jahre vorher hatte er noch ein Gesuch an den Bischof gerichtet, worin er im Namen seiner Gemeinde um Umwandlung der Kuratie Gelting zur Pfarrei gebeten hatte. Das nunmehr verwaiste Kuratbenefizium wurde zunächst von Pater Lüdke aushilfsweise versorgt, bis Kaplan Gerhard Hohenester von der Pfarrei Mühldorf St. Nikolaus noch im Jahre 1961 als Kuratbenefiziumsverweser nach Gelting angewiesen wurde.

Das Kuratbenefizium Gelting wird zur Pfarrei Maria Himmelfahrt

Das Erzbistum München-Freising hatte am 22. Juni 1961 einen neuen Oberhirten erhalten. Kardinal Julius Döpfner war von Papst Johannes XXIII. aus Berlin nach München berufen worden. Der für sinnvolle Reformen überaus aufgeschlossene Bischof sah hier Nachholbedarf bei der Umwandlung schnell gewachsener Stadtkuratien zu Pfarreien. So erhob er zum 1. Januar sechs städtische Kuratien seiner Diözese zu selbständigen Pfarreien (St. Gertrud München Nord, St. Klara München Nordost, St. Agnes München Nordwest, St. Lantbert München Nord, St. Hedwig Rosenheim, Maria Himmelfahrt Trostberg-Schwarzau). Beim Studium der Akten sind dem rührigen Kardinal auch die zahlreichen Bemühungen der Geltinger um eine Erhebung zur Pfarrei nicht entgangen. Seit 160 Jahren hatte man in größeren und kleineren Abständen darum gekämpft. Vor Scherers Eingabe hatte Kurat Oßner noch im Jahre 1947 und dann nochmals 1948 und 1953 vergebliche Versuche unternommen. Nun ergriff die erzbischöfliche Behörde die Initiative. Im Dezember 1961 unterzeichnete Erzbischof Kardinal Julius Döpfner das Pfarrerhebungsdekret. Zum 1. Januar 1962 trat es in Kraft. So waren das Kuratbenefizium Gelting zur Pfarrei Maria Himmelfahrt, die Kuratiekirche zur Pfarrkirche und ihr Seelsorger Pfarrer geworden. Die Investitur auf die neue Pfarrei erhielt Gerhard Hohenester am 9. Januar 1962. Ihm hatten die Vorgänge in Gelting zu einem wahrhaft unüblichen Karrieresprung verholfen. Mit 33 Jahren war er der jüngste Pfarrer im Erzbistum München-Freising.

Das levitierte Hochamt in der Pfarrkirche

Nun durften Pfarrerhebung und Installation des neuen Pfarrers gefeiert werden. Am Sonntag, den 28. Januar sollte es hoch hergehen. Am Morgen feierte die Gemeinde ein Hochamt mit mehreren Priestern. Die benachbarten Pfarrer waren gekommen. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hatten sich eingefunden. Alle örtlichen Vereine waren durch ihre Fahnenabordnungen vertreten. Dekan und Pfarrer Heizmann von Anzing überbrachte die Glückwünsche des Kardinals, verlas die beiden Urkunden und sprach mahnende Worte an das gläubige Pfarrvolk. Die Mitglieder der Kirchenverwaltung gaben durch Handschlag im Namen aller Pfarrangehörigen ihr Treuegelöbnis ab. Der Kirchenchor sang unter der Leitung von Max Hartung eine Mozartmesse und zeigte eine viel gelobte Leistung. Die damals noch recht neue Orgel wurde von Streichern unterstützt. Nach dem Gottesdienst gedachten Priester und Gläubige am Priestergrab der in Gelting verstorbenen Seelsorger. Am Nachmittag fand eine sehr bewegende Priesterandacht statt.

Ein erster Pfarrfamilienabend

Am Abend kamen alle zum ersten Pfarrfamilienabend im lustig dekorierten Saal beim Forchhammerwirt in Pliening. Kirchenchor und Gesangsverein „Frohsinn" traten mit musikalischen Vorträgen auf. Die jungen „Stoabergler" führten unter der Leitung ihres Vorstands Schorsch Eberhart in ihren hübschen Trachten Volkstänze vor. Die Mädchen der Pfarrjugend spielten, angeleitet von Sieglinde Kneißl, den lustigen Sketsch „Pfarrhaushälterin gesucht", der für viel Heiterkeit sorgte. In den Ansprachen wurden freundliche Glückwünsche für Pfarrer und Gemeinde dargetan. Für die politischen Gemeinden Gelting und Pliening sprach Bürgermeister Lorenz Maier und hob besonders hervor, dass nunmehr ein 160 Jahre lang gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen sei. Pfarrer Franz Oßner aus Planegg, begeisterter Heimatforscher und von 1947 bis 1958 selber Kurat in Gelting, berichtete aus der Geschichte der Marienkirche.

Mit den Worten, „der eine hat gesät, der andere darf ernten", wandte sich der Kirchenpfleger und Kapplmairbauer Josef Wachinger in treffender verbaler Anlehnung an sein bäuerliches Umfeld in der Festansprache an den neuen Pfarrer und spielte damit auf die nicht gerade alltäglichen Begleitumstände der Pfarrerhebung an.

Ein Fingerzeig

Am Dienstag den 27. August 1963 zog gegen 16 Uhr ein verheerendes Unwetter über unsere Dörfer hinweg. Bäume wurden entwurzelt, Dächer abgedeckt, mehrere Scheunen zu Boden gerissen, Grabsteine umgeworfen, Fensterscheiben eingeschlagen, Felder und Gärten von Orkan und Hagel verwüstet. Weite Teile der Unterspanner Wälder wurden zu Boden gelegt. Im Tratmoos wurden massive Gittermasten geknickt, die starken Leitungsdrähte hingen in wirren Knäueln herab. Für eine ganze Woche fiel die Stromversorgung aus. Die Dachziegel der Geltinger Marienkirche waren auf die Gräber geschleudert. Der Plieninger Kirchturm war eben eingerüstet und sollte eine Kupferbedachung bekommen. Die Gerüstteile mussten von der Straße geräumt werden, die vier teuren Kupferbahnen lagen unbrauchbar geworden darunter. Kein Haus blieb von Beschädigungen verschont.

Doch es gab eine Ausnahme.

Obwohl auf dem freien Felde stehend, den orkanartigen Böen aus Nordwesten schutzlos ausgesetzt, hatte das eben fertiggestellte neue Plieninger Schulhaus das Unwetter ohne jeglichen Schaden überstanden. Sollte das ein Fingerzeig von allerhöchster Stelle sein? Zum 14. September 1963 konnte der Plieninger Bürgermeister Melchior Huber zur Einweihung der neuen Schule einladen, und Hauptlehrer Albert Förtsch zog mit seinen Kollegen und Schülern aus der „Verbandsschule Gelting" in die „Katholische Volksschule Pliening" um. Alles Murren und Verzagen war längst in versöhnliche Töne umgeschlagen. Man war stolz, den Kindern aus Gelting, Pliening, Ottersberg und Unterspann, inmitten der Dörfer eine moderne, gefällige Schulheimat bieten zu können.

Unseren Tagen blieb es vorbehalten durch nachhaltige Gegenrede den drohenden Abriss der alten Schule zu vermeiden. Es ist das letzte sichtbare Denkmal einstiger kommunaler Selbständigkeit des Kirchdorfes Gelting, dessen Schultradition bis in die Zeit des 30- jährigen Kriegs zurückverfolgt werden kann.

Willi Kneißl

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