Heimatverein Pliening e.V.
  Gelting - Landsham - Ottersberg - Pliening

Aktivitäten des Heimatvereins:

05.12.2018  Treffen HV
09.12.2018  Weihnachtsmarkt
26.12.2018  7. Stefani-Ritt

Römer in Landsham

Geschichte und Geschichten aus der Heimat von Willi Kneißl

Landsham in der Provinz Rätien
Im Jahre 15 v. Chr. schickte Kaiser Augustus (reg. 31. v. Chr. bis 14 n. Chr.) zwei Legionen über die Alpen, um das von Menschen rätisch-keltischer Herkunft dünn besiedelte Land bis zur Donau gewaltsam dem römischen Staatsverband einzugliedern. Unter Kaiser Tiberius (14 bis 37 n. Chr.) wurde das Alpenvorland zwischen Bodensee und Inn mit der Hauptstadt Augusta Vindelicum (Augsburg) offiziell als Provinz Raetia proklamiert. Ein halbes Jahrtausend sollte die römische Staatsmacht hier ihre Herrschaft behaupten. Im Jahre 488 überbrachte Hunwulf allen in Rätien noch verbliebenen Staatsbeamten und Angehörigen des Militärs den Befehl seines Bruders Odoaker, des Königs der Römer (reg. 476 – 493), nun schleunigst nach Italien auszuwandern. Germanische Goten, Alemannen und Langobarden hatten seit Jahrzehnten gewaltsam weite Landstriche geplündert und annektiert. Unter Führung der ostgotischen Herrschaft (König Theoderich d. Gr., reg. 474 – 526) werden sie gemeinsam eine neue Ethnie, das Volk der Bayern, begründen.

Nahe Römerstraßen
Sehr wichtig für das röm. Imperium war ein gut ausgebautes Straßennetz, zunächst für die militärische Präsenz. Später war es für Handel und Wandel unabdingbar. In unserem Bereich sind zwei Straßenzüge erkannt worden. Die Fernstraße Augsburg – Wels (Oberösterreich) querte bei Oberföhring die Isar und zog über Heimstetten, Anzing, Haag, Töging weiter nach Osten. Nahe Denning zweigte eine lokale Verbindungsstraße nach Nordosten ab, um über die römische Siedlungskette Aschheim, Landsham, Finsing, Oberneuching und Erding Moosburg zu erreichen. An der Steilstelle des Moränenzugs am „Stoaberg“ nördlich von Gelting erleichterte ein tiefer Hohlweg den Hangaufstieg für die römischen Fuhrleute. Er ist bis heute zu erkennen. Dieser Ver-kehrsweg ermöglichte die Ansiedlung römischer Landgüter („villae rusticae“) in unserer Gegend. Agrarische Waren konnten stadtähnlichen Siedlungen und militärischen Stützpunkten zugeführt werden. Umgekehrt war es möglich, die Höfe mit Fernhandelsware zu versorgen.

Das spätrömische Gräberfeld an der Ulrich-Nanshaimer-Straße

Abb. 1: Römische Tonlampe
Im Jahre 2002 begann die Firma Archäologie Heimerl mit den Grabungsarbeiten. Im September 2004 wurde die Dokumentation erstellt. Es wurden zwei kleine Gräberfelder dokumentiert. Beide stammen aus spätrömischer Zeit (4./5.Jahrh. n. Chr.). Das kleinere Gräberfeld enthielt vier Körpergräber. Die Toten lagen in gestreckter Rückenlage und wiesen in verschiedene Richtungen. Beim größeren Gräberfeld mit neun Bestattungen war die Bestattungsform ähnlich. Die Bestattungssitten folgten keinerlei Norm. Die Historiker schließen daraus, dass die hier lebenden Menschen einer Mischbevölkerung ohne ethnische Einheit angehörten. Man denkt an römische und alemannische Familien. Die Funde aus den Gräbern unterstützen diese These. Neben Trachtenteilen (Glasperlen, Bronzearmreifen) fanden sich in den Frauengräbern als Grabbeigaben Dreilagenkämme aus Knochen, Keramikschälchen, Eisenmesser, ein Glasgefäß, eine Tonlampe. Den Männern wurden Fibeln und Gürtelschnallen aus Bronze mitgegeben. Es müssen friedliche Jahre gewesen sein, denn es wurden keinerlei Waffen gefunden. Die Historiker gehen davon aus, dass hier eine gut situierte soziale Mittelschicht gelebt hat. Siedlungsspuren wurden freilich nicht ausgemacht.

Die „villa rustica“ an der Chaussee

Abb. 2: Römischer „Troadkasten"
Im Sommer 2016 forschte das Archäologische Büro Anzenberger südlich des Brunnenweges beim heutigen Mehrgenerationenhaus. Drei Skelette konnten freigelegt werden. Am nördlichen Rand des Baugebietes, hart am Radlweg nach Pliening, fand sich in 70 cm Tiefe eine Schicht zertrümmerter typisch römischer „tegulae“ (Dachziegel). Daneben zeigten sich die Überreste einer Tuffsteinmauer. Deutlich traten hier noch gut erhaltene zahlreiche Getreidekörner ans Tageslicht. Man hatte Anteile eines römischen Vorratshauses (Troadkasten) mit angebautem Holzschuppen freigelegt. Nicht weit entfernt zeichnete sich im hellen Kies eine kreisrunde dunkle Verfärbung ab. Die Archäologen standen vor der Sohle eines einstigen Brunnens. Man kann davon ausgehen, dass man hier auf den südlichen Außenbereich eines römischen Gutshofes („villa rustica“) gestoßen ist, angelegt an der römischen Vizinalstraße, die über die Schotterebene nach Osten zog. Der römische Hofherr, vielleicht ein ehrenhaft aus der Legion entlassener Veteran, bestattete die Toten der Familie auf dem eigenen Hof. Aufgelesene Keramikstücke weisen in die spätrömische Kaiserzeit (ca. 250 – 450 n. Chr.).

Die „villa rustica“ an der Keltenstraße

Abb. 3: Brett des Brunnenkastens
Bei der umfangreichen Ausgrabungsaktion im Sommer 2017 in Landsham- Süd wurden auch zwei ehemalige Brunnen untersucht. In deren Verfüllung traf man auf keramisches Fundmaterial, das von den Fachleuten eindeutig als römisch erkannt wurde. Eine jeweils vorgelagerte Pfostengrube verrät, dass es sich um Ziehbrunnen mit Schwingbaum gehandelt hat. Eine Steinplatte wurde als Oberteil einer Drehmühle identifiziert. Stark reduzierte Überreste eines eichenen Brunnenkastens ergaben nach dendrochronologischer Untersuchung ein Fälldatum des Baumes bald nach 122 n. Chr. Die Archäologen Stefan Biermeier und Axel Kowalski überraschen uns mit der These, dass der einst hier ansässige römische Bauer aus der Frühzeit der antiken Provinz Rätien einen keltischen Umgangstempel (in der Ausgabe Februar 2018 des Gemeindeblattes beschrieben) als Wohnhaus seiner „villa rustica“ genutzt habe. War er selbst ein Nachfahre keltischer Ureinwohner, der sich in der römischen Zivilisation integriert hat? Oder war er ein zugewanderter römischer Bürger, der sich der uralten keltischen Bautradition verpflichtet sah? Auf jeden Fall ist die Gründung dieser „villa rustica“ für die Jahre um 90 n. Chr. anzusetzen, was für unsere Gegend als sensationell früh gilt.

Abb. 1 und 2: Willi Kneißl
Abb. 3: Singularch, Referenzen
Literatur:
Die Römer in Bayern, Verlag Theiss 1995
Die Chronik Bayerns, Chronik Verlag 1987
Czysz, Wolfgang: Der römische Gutshof in München-Denning

Juni 2018 Willi Kneißl

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